Johann
Ein Wanderer kommt nach tagelanger Reise in ein abgelegenes Tal. Seit Tagen hat er keine Menschenseele mehr gesehen, seine Vorräte gehen zur Neige und sowohl er als auch sein Pferd sind völlig erschöpft.
Schließlich entdeckt er ein Dorf, das von einer hohen Mauer umgeben ist.
Am Tor steht ein alter Mann, der ihn freundlich begrüßt.
„Bitte, guter Mann“, sagt der Wanderer, „ich komme von weit her. Mein Pferd und ich brauchen dringend etwas zu essen und einen Platz zum Ausruhen. Würden Sie uns hereinlassen?“
„Aber selbstverständlich“, antwortet der Alte lächelnd und nimmt das Pferd am Zügel.
Als sie durch das Tor gehen, klopft der Alte stolz gegen die Mauer.
„Schöne Mauer, nicht wahr? Die habe ich Stein für Stein mit meinen eigenen Händen gebaut. Seit Jahrzehnten schützt sie dieses Dorf. Aber nennen sie mich deshalb Johann den Mauerbauer? Nein.“
Sie gehen weiter durchs Dorf. Die Bewohner werfen dem Fremden neugierige Blicke zu.
Der Alte zeigt auf die Häuser.
„Siehst du all diese Häuser? Jedes einzelne habe ich selbst gebaut. Ich habe den Menschen hier ein Dach über dem Kopf gegeben. Aber nennen sie mich Johann den Hausbauer? Nein.“
Vor dem Gasthaus angekommen, bringt der Wanderer sein Pferd in den Stall und bezieht ein Zimmer.
Aus dem Fenster entdeckt er eine riesige Kirche, die weit über alle anderen Gebäude hinausragt.
Der Alte tritt neben ihn.
„Beeindruckende Kirche, oder?“
„Haben Sie die auch gebaut?“
„Natürlich. Vom Fundament bis zur Turmspitze. Menschen aus dem ganzen Tal kommen, um sie zu bewundern. Aber nennen sie mich Johann den Kirchenbauer? Nein.“
Der Alte macht eine kurze Pause, seufzt tief und sagt:
„Aber einmal eine Ziege gefickt …“